Am 20. Juli 2000 hat die Genzyme Corporation angekündigt, dass das Unternehmen eine Genehmigung bei der FDA (Food and Drug Administration, U.S.-Genehmigungsbehörde für Medikamente und für die klinischen Studien, die für die Zulassung eines Medikaments notwendig sind) dafür beantragt, mit dem
neuen Medikament Lumarel eine Sicherheitsstudie an Menschen zu beginnen.
Die Entwicklung dieses Medikaments begann im letzten Herbst in
Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern Freedman und Alvarez, die eine bahnbrechende Studie über die Rolle von Fettsäuren bei CF veröffentlicht haben.
Es handelt sich bei Lumarel anscheinend um eine Zubereitung, die eine sehr hohe Dosis von DHA enthält. DHA ist docosahexaenoic acid, zu Deutsch Docosahexaensäure. Die Darreichungsform ist angeblich eine Flüssigkeit (in früheren Informationen war von Kapseln die Rede), die zweimal täglich verabreicht wird. Damit werden die Ergebnisse der Fütterungsversuche an CF-Mäusen, mit denen Freedman und Alvarez experimentiert hatten, auch hinsichtlich der Dosis auf Menschen übertragen. Wie das von Mäusen auf Menschen hochgerechnet worden ist, ist gegenwärtig nicht bekannt, es gibt also auch keine Klarheit hinsichtlich der DHA-Menge, die damit verabreicht werden soll. Es heißt allerdings, dass diese Menge so groß ist, dass sie
normalerweise die Verdauung völlig durcheinanderbringen würde. Diese neue Zubereitung soll verträglich sein für den Verdauungsapparat auch bei CF und soll eine optimale Aufnahme der Substanz gewährleisten. Außerdem ist dabei
die völlige Reinheit des Mittels garantiert. Bisher sind DHA-Präparate sind zwar als Nahrungsmittelergänzung erhältlich, aber sie enthalten alle kein reines DHA, sondern unterschiedliche Kombinationen von Ölen, die z.T. nicht oder sogar fehlerhaft deklariert sind. Bei den offenbar sehr großen Mengen, die man davon nehmen muss, um den erwünschten therapeutischen Effekt zu erzielen, ist jedes Gramm Fremd-Öl ein Gramm zu viel, außerdem haben diese
anderen Öle möglicherweise wieder unerwünschte Wirkungen, und auch andere Beimischungen, die vielleicht in dem Präparat enthalten sind, sind bei den erforderlichen großen Mengen nicht unbedenklich.
Es handelt sich also bei Lumarel nicht um einen Stoff, der als
Nahrungsmittelergänzung vermarktet wird, sondern um ein Medikament, das den üblichen Zulassungsvorschriften unterliegt. Das ist anders z.B. bei dem Präparat der Firma Martek, mit dem die ursprünglichen Versuche gemacht wurden; dieses ist ohne arzneimittelrechtliche Zulassung als Nahrungsergänzungsstoff erhältlich. Auch mit dem Martek-DHA findet zur Zeit schon eine Studie in Chicago statt, bei der für ein 45 kg schweres Kind 11
Kapseln pro Tag verabreicht werden. Jede Kapsel enthält 200 mg DHA in 300 mg Sonnenblumenöl. Das sind also etwa 50 mg DHA pro kg Körpergewicht pro Tag, bei einem 50 kg schweren Menschen 2,5 g DHA in 3,75 g Sonnenblumenöl.
Wenn ich die Informationen von Barbara Palys, IACFA-Vorsitzende, richtig verstanden habe, ist die DHA-Dosis in der Genzyme-Studie etwa doppelt so hoch. Aus Äußerungen von Freedman und Alvarez selbst lassen sich allerdings eher Dosierungen von ca. 20 g DHA/Tag ableiten.
Während in der kontrollierten Genzyme-Studie also grundsätzlich Sicherheit und Wirksamkeit des reinen, hochdosierten Medikaments gezeigt werden müssen, könnte die Studie in Chicago (ca. 20 Teilnehmer, Dauer 1 Jahr) Auskunft
darüber geben, ob auch mit geringeren Dosierungen ein ähnlicher Effekt zu erzielen wäre. Während die Genzyme-Studie evtl. im Herbst dieses Jahres beginnen könnte, ist die Studie mit dem Martek-DHA wohl schon im Gange.
Man weiß schon seit längerer Zeit, dass bei Menschen mit CF der Stoffwechsel der ungesättigten Fettsäuren gestört ist. Das liegt nicht in erster Linie an Mangelernährung, unzureichender Fettresorption oder ähnlichem, sondern es ist eine mit dem Krankheitsbild selbst verbundene Stoffwechselstörung, deren Ursache nach wie vor unbekannt ist. Das führte zu der allgemeinen Empfehlung, man solle auf eine großzügig bemessene Zufuhr an mehrfach
ungesättigten Fettsäuren achten, z.B. bei der Auswahl von Nahrungsfetten Öle mit einem besonders hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren bevorzugen, öfter hochwertige Margarine statt Butter essen. Insgesamt waren
aber weder die Untersuchungsergebnisse ganz einheitlich und eindeutig, noch die gesundheitlichen Auswirkungen bei Beachtung oder Nichtbeachtung dieser Empfehlungen so deutlich erkennbar, dass man hier von nachgewiesener therapeutischer Wirksamkeit hätte sprechen können. Dennoch bleibt die Empfehlung grundsätzlich weiterhin sinnvoll, nicht nur für denjenigen, der CF hat.
Dann kam vor wenigen Jahren die Erkenntnis, dass bei den meisten
CF-Patienten in der Lunge ein kontinuierlicher Entzündungsprozess stattfindet, auch ohne nachweisbare Beteiligung von Bakterien. Das Immunsystem schickt ständig weiße Blutkörperchen ins Lungengewebe, die dort
mit ihrer zerstörerischen Ladung den eigenen Körper laufend schädigen. An solchen entzündlichen Vorgängen sind Substanzen beteiligt, die aus ungesättigten Fettsäuren entstehen. Besonders starke Entzündungsvermittler entstehen aus der Arachidonsäure (AA), schwächere aus der Eikosapentaensäure (EPA). Beide Säuren werden durch das gleiche Enzymsystem weiterverarbeitet,
und wenn man viel EPA zu sich nimmt, wird weniger AA verarbeitet, also möglicherweise die Entzündungsreaktion im Körper gemildert. Das ist die Theorie, die hinter der Fischöl-Einnahme bei CF steckt, denn Fischöl enthält
EPA und eine andere Fettsäure, DHA - siehe oben. Tatsächlich hat die Forschungsgruppe von Prof. Koletzko bei der diesjährigen Europäischen CF-Tagung in Stockholm anscheinend überraschend positive Ergebnisse ihrer Fischöl-Studie berichtet: Leichte Verbesserung von FEV1 sowie FVC, während in der Kontrollgruppe beide Werte innerhalb der Studiendauer sich verschlechterten. Leider findet man in dem veröffentlichten Abstract weder Angaben zu dem verwendeten Präparat noch zur Menge. In anderen Studien wurde beispielsweise mit der Menge von 8 g Fischöl pro Tag experimentiert.
Ob die bisherigen Ergebnisse mit Fischöl schon ausreichen, um daraus für CF therapeutische Konsequenzen zu ziehen, ist fraglich. Allenfalls kann man sagen, dass es wohl nichts schadet, aber vielleicht einen mehr oder weniger kleinen therapeutischen Nutzen bringt.
Der Ansatz von Freedman und Alvarez ist völlig anders. Sie haben untersucht, ob sich der Fettsäure-Stoffwechseldefekt außer im Plasma auch dort zeigen lässt, wo Fettsäuren im Körper eine strukturelle Rolle spielen,
nämlich in der Zellmembran. Sie stellten fest, dass bei CF-Mäusen in den von CF betroffenen Geweben in der Zellmembran deutlich zu viel AA und zu wenig DHA eingebaut ist. Daraufhin machten sie den Versuch, durch Fütterung mit DHA dieses fehlerhafte Fettsäuremuster zu verbessern. Tatsächlich
konnten sie mit einer hohen Dosis von DHA erreichen, dass sich die
jeweiligen Mengen von AA und DHA in der Zellmembran normalisierten.
Gleichzeitig stellten sie fest, dass die für CF-Mäuse typischen krankhaften Gewebeveränderungen in den Verdauungsorganen vollständig verschwanden, und dass die Atemwege der Mäuse (die leider nicht die für Menschen typischen CF-Symptome zeigen) weniger anfällig wurden für den Angriff von Pseudomonas-Bakterien. Die mit hohen DHA-Mengen gefütterten CF-Mäuse waren danach von Nicht-CF-Mäusen angeblich nicht mehr zu unterscheiden.
Erste Untersuchungen an Menschen (Nasenschleimhaut, Rectum-Biopsien) ergaben, dass sich auch hier das gleiche fehlerhafte Fettsäuremuster in den Zellmembranen von CF-betroffenen Geweben nachweisen lässt. Daraus leitet
sich nun die Frage ab, was denn wohl bei dem CF-Menschen passiert, wenn er DHA in einer Dosierung erhält, die der bei der CF-Maus verwendeten entspricht. Diese Frage soll in den DHA-Studien geklärt werden. Die Hoffnung dabei ist natürlich, hiermit ein Mittel gefunden zu haben, das Krankheitsbild "CF" auch beim Menschen auszuschalten. Niemand weiß bisher, ob das wirklich so geht.
Niemand weiß bisher auch, welche Nebenwirkungen eine solche massive Erhöhung in der Zufuhr einer einzelnen Fettsäure auf den Stoffwechsel insgesamt hätte. Obwohl Studien mit hoher DHA-Zufuhr bislang kaum negative Auswirkungen erwarten lassen, kann momentan niemand voraussagen, welche Folgen mit der langfristigen Einnahme verbunden sein könnten.
Auch die Frage, wo denn eigentlich ein Zusammenhang besteht zwischen dem defekten CFTR-Kanalprotein und dem gestörten Fettsäurestoffwechsel, kann zur Zeit nicht beantwortet werden. Aus Details der Fütterungsversuche lässt sich schließen, dass CFTR in dem Stoffwechselweg, der zur DHA führt, eine entscheidende Rolle spielt. Weder eine Reduzierung der Arachidonsäure noch eine Erhöhung der Linolensäure in der Nahrung führen nämlich zu einem
vergleichbaren Effekt. Das einzige, was sowohl des Fettsäuremuster korrigierte als auch die Krankheitssymptome zum Rückgang brachte, war die Zugabe von DHA selbst.
Kann man daraus für sich selbst jetzt schon Konsequenzen ziehen, Maßnahmen treffen? Ich glaube nicht. Die nach Alvarez und Freedman erforderlichen DHA-Mengen sind mit den auf dem Markt befindlichen Mitteln nicht zu erreichen, und ob weniger überhaupt einen messbaren Effekt hätte, ist fraglich. Die Autoren weisen selbst auf die ihrer Meinung nach unrealistisch geringe und damit praktisch unwirksame Menge an Fischöl bei
bisherigen Studien hin. Auf amerikanischen E-mail-Listen kursieren
allerdings einige Diätvorschläge, die auf eine Vermeidung bestimmter Öle in der Ernährung hinauslaufen. (Man muss vielleicht hinzufügen, dass es sich dabei um die Vorschläge von Laien handelt, sowohl was medizinische
Kenntnisse betrifft als auch ernährungsphysiologische und chemische.) Z.B. wird dabei die Aussage der Studie, dass Fütterung von Linolensäure an die CF-Mäuse sowohl die AA- als auch die DHA-Menge in der Membran reduzierte und
zu einer Verschlimmerung der Krankheitserscheinungen führte, in diesem Sinn verstanden. Ich glaube allerdings, dass man unter gar keinen Umständen mit der normalen Ernährung die Linolensäurezufuhr derartig in die Höhe treiben
könnte, dass es den bei den Fütterungsversuchen verwendeten Mengen auch nur annähernd nahe käme. Insofern spielen denkbare Variationen bei den verwendeten Nahrungsfetten mengenmäßig und damit hinsichtlich der Auswirkungen auf das Krankheitsbild wohl kaum eine Rolle. Man wird meiner Meinung nach abwarten müssen, welche Ergebnisse die Studien bringen, und dann entsprechend mit der Einnahme des Medikaments reagieren. Allerdings möchte ich Euch ausdrücklich darauf aufmerksam machen, dass auch ich in diesen Angelegenheiten ein Laie bin und dass es sich hierbei nur um meine private Meinung handelt, über die ich Euch informiere, DASS ICH ABER KEINERLEI MEDIZINSCHE ODER DIÄT-RATSCHLÄGE GEBE.
Und noch etwas zur Klarstellung: Es handelt sich bei der vorgesehenen Studie in gar keiner Weise um eine Diätstudie, sondern um die medikamentöse Therapie eines schwerwiegenden Stoffwechseldefekts bei CF, der dazu führt, dass DHA in bestimmten Geweben nicht in normaler Weise in die Zellmembranen
eingebaut wird. Die Tatsache, dass stattdessen offenbar Arachidonsäure im Übermaß der Zelle zur Verfügung steht, könnte erklären, dass bei CF eine
chronische Entzündungsreaktion abläuft, könnte zur übermäßigen Schleimbildung beitragen, und es gibt sogar Hinweise, dass Arachidonsäure direkt die Funktion des Chloridkanals hemmt. Das hat alles nichts zu tun mit der Frage, wie groß die DHA-Menge in der "normalen" Ernährung eines "gesunden" Menschen ist oder sein sollte, oder welche Auswirkungen ein ernährungs- oder stoffwechselbedingter DHA-Mangel bei anderen Erkrankungen, etwas Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Autoimmunkrankheiten haben könnte.
Der Stoffwechseldefekt, den man mit Lumarel zu therapieren versucht, ist CF-spezifisch, zurückzuführen auf den genetischen Defekt im CFTR-Gen.
Ich beantworte gerne Fragen nach weiteren Details oder Erläuterungen, soweit ich dazu in der Lage bin.
Erstellt im Juli 2000 von Wilhelm Bremer.