Ein Bericht von Dr. Thomas Nüßlein, Universitäts-Kinderklinik Bochum
Manchmal stehen Kongresse unter einem Motto, das sich durch die verschiedenen
Veranstaltungsblöcke zieht und das dem Teilnehmer immer wieder und von allen
Seiten beleuchtet präsentiert wird. Anders sieht es bei der diesjährigen Nordamerikanischen
CFKonferenz vom 9. bis 12. November 2000 in Baltimore mit ihren weit mehr
als 3000 Teilnehmern und ca. 700 Beiträgen aus. Statt von einer zentralen Fragestellung
ist die Tagung geprägt von der Vielfältigkeit diagnostischer und therapeutischer
Ansätze in der Betreuung von CF-Patienten. In anderen Worten: Nicht eine spektakuläre
Neuerung, etwa ein wesentlicher Fortschritt auf dem Gebiet der Gentherapie,
steht im Vordergrund, sondem das Wissen, daß die grundsätzlichen Fortschritte
in der Betreuung von CF-Patienten in den letzten Jahren durch das Zusammenspiel
von vielen kleinen Schritten zustande gekommen sind. Das gilt auch für die Thematik
dieses Beitrags. An verschiedenen Stellen des Programms tauchen Vorträge und
Posterbeiträge auf, die uns in der Behandlung von Infektionen bei CF-Patienten
voranbringen werden, andererseits nimmt die Zahl offener Fragen nicht ab.
Infektionsmanagement beginnt mit der Prävention
Mit aufwendiger Technik belegt eine australische Arbeit, daß sich besonders
virulente Pseudomonas-Stämme mit hohem Mortalitätsrisiko für CF-Patienten rasch
innerhalb von Patientenkollektiven ausbreiten können (Armstrong et al., abstr.
393). Das gleiche wurde für Colistin-resistente Pseudomonaden (Rajgopal et al.,
abstr. 411) bzw. für multiresistente Stämme (Jones et al., abstr. 394) gezeigt.
Als Konsequenz kann sich nur ergeben, die Kohortenbildung innerhalb von Kliniken
noch ernster zu nehmen.
Neue Aspekte bei der inhalativen antibiotischen Therapie
Auf einen bisher wenig berücksichtigten Sachverhalt weist ein Beitrag von App
und Mitarbeitern hin (abstr. 374): Durch Messung der Tobramycin-Konzentration
im Serum von CF-Patienten ließ sich zeigen, daß die bronchiale Deposition des
inhalativ verabreichten Medikaments ganz wesentlich durch die Vitalkapazität
des Patienten beeinflusst wird. App folgert, daß die Vitalkapazität bei der
individuellen Dosisfindung berücksichtigt werden sollte. Bei der Frage nach
adäquater Therapie beim Erstnachweis von P. aeruginosa belegt die Diskussion
über eine Fall-Demonstration von Lynne Quittell, daß ein Großteil des Auditoriums
eine Indikation für inhalativ verabreichtes Tobramycin sieht, obwohl eine Studie
zu dieser Fragestellung bisher nicht vorliegt.
Genügt einmal täglich?
Massie und Mitarbeiter (abstr. 388) präsentieren eine Arbeit, in der der Frage
nachgegangen wird, ob die einmal tägliche intravenöse Verabreichung von Tobramycin
bei Kindern mit CF ausreicht. Es zeigte sich, daß sich die geforderten Serumspiegel
bei einmaliger Verabreichung von 12 mg/kg Tobramycin alle 24h erzielen lassen.
Was ist Resistenz?
Anlaß für diese provokative Frage sind Hinweise aus der Tobi®-Studie
dafür, daß eine klinische Verbesserung, d.h. ein Anstieg des FEV, auch bei CF-Patienten
erzielt werden kann, die einen nach konventionellen Maßstäben resistenten Pseudomonas-Stamm
in den Atemwegen aufweisen.
Im Symposium zum Management der Antibiotikaresistenz werden drei Fälle demonstriert,
in denen multiresistente Pseudomonaden nachgewiesen wurden und sich dennoch
eine klinische Verbesserung durch inhalativ, orale und intravenös verabreichte
Antibiotika erzielen ließ. Arnold Smith stellt in seiner Zusammenfassung des
Symposiums die Bedeutung des Antibiogramms in Frage und prägt den Begriff der
transienten Resistenz.
Makrolide
Obwohl Makrolide für die meisten bei der Mukoviszidose relevanten Keime nicht
bakterizid sind, werden auch in Baltimore wieder Daten präsentiert, die einen
therapeutischen Einsatz bei CF-Patienten in naher Zukunft möglich erscheinen
lassen.
Trotz primärer Resistenz (MIC > 8µg/ml)
konnten in einer in vitro-Studie synergistische Effekte von Azithromycin und
Clarithromycin mit acht konventionell eingesetzten Antibiotika auf B. cepacia,
A. xylooxidans und S. maltophilia gezeigt werden (Chen et al., abstr. 378).
Die Ähnlichkeiten zwischen der seltenen Panbronchiolitis und der Mukoviszidose
und erste therapeutische Erfolge bei CF-Patienten mit Pseudomonas-Infektion
sind Anlaß für eine jetzt initiierte größere, randomisierte, doppelblinde, Plazebo-kontrollierte
klinische Studie mit Azithromycin bzw. Clahthromycin bei CF-Patienten mit Pseudomonas-Infektion
(Saiman L, Pediatric Pulmonology, Suppl. 20:105-7 (2000)).
Neues Erregerspektrum?
Daß u.U. neue Probleme auf uns zukommen, belegen Beiträge und Diskussionen zu
einer möglichen Verschiebung bzw. Erweiterung des Erregerspektrums bei Mukoviszidose.
Fall-Demonstrationen zu Paecilomyces und Chryseobacterium mögen noch als individuelle
Problematik im Raum stehen bleiben. Schwieriger stellt sich die Diskussion zur
Therapiebedürftigkeit von Alcaligenes xylosoxidans und MRSA im Sputum von asymptomatischen
CF-Patienten dar. Eine abschließende Antwort wird im Infektionsmanagement-Symposium
nicht gefunden.
Ein weiterer "seltener" Keim, Stenotrophomonas maltophilia wird auch bei Mukoviszidose-Patienten
in Europa zunehmend häufig isoliert. Goss und Mitarbeiter legen Daten aus dem
U.S.-amerikanischen CF-Register vor, die belegen, daß der Keim zwar gehäuft
bei schwerer betroffenen Patienten gefunden wird, selbst aber kein Risiko für
eine reduzierte Lebenserwartung darstellt (Goss CH et al., Pediatric Pulmonology,
Suppl. 20:101-2 (2000))
In Vitro Antibiotic Susceptibillty Testing of CF Pseudomonas Isolates Does Not Predict FEV1 Response to Combination Intravenous Antibiotic Therapy
Burns, J. R. et al.
Während einer 6monatigen, kontrollierten klinischen Studie wurden 77 von 262 Plazebo-Patienten mit einer Kombinationstherapie aus intravenösem (i. v.) Tobramycin und Ceftazidim versorgt, um akute Exazerbationen der Lunge zu behandeln. Wie empfohlen wurden Antibiogramme auf P.a. bei Eintritt in die Studie erstellt und lagen zum Zeitpunkt der Exazerbationen im Mittel 62,4 Tage zurück (1-167 Tage). Diese Daten, zusammen mit monatlichen Lungenfunktionsmessungen, wurden für eine retrospektive Beurteilung der Wirksamkeit einer i. v. Therapie herangezogen.
24 von 77 Patienten hatten mindestens ein resistentes Isolat, 4 davon wiesen
resistente Stämme gegen beide Medikamente auf, 18 gegen Ceftazidim und 2 gegen
Tobramycin. Nach einer i. v.-Therapie stieg der FEV1-Wert im Mittel
um 17,7% an. (Median 14,1%, -40,3 bis +13,9%). Die Änderungen der FEV1
nach der i. v. Antibiotika-Gabe wurde gegen die Empfindlichkeit der Pa. Stämme
auf Tobramycin und Ceftazidim aufgetragen. Es ergab sich keine Abhängigkeit
zwischen Antibiotika-Empfindlichkeit und FEV1 Änderung. 16 von 77
Patienten zeigten einen FEV1 Abfall nach der i. v. Therapie, wobei
12 von diesen 16 Patienten mit Stämmen infiziert waren., die sowohl gegen Tobramycin
als auch Ceftazidim empfindlich waren. 4 der 16 Patienten wiesen Pa. Stämme
auf, die gegen Ceftazidim resistent waren. 20 von 24 Patienten (83,3%) mit resistenten
Keimen gegen mindestens ein Antibiotikum zeigten ebenso wie 41 von 53 Patienten
(77,4%) mit empfindlichen Pa. Stämmen eine Verbesserung ihrer Lungenfunktion
durch die i. v.-Therapie. Diese Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß die Erstellung
eines Antibiogramms keine Voraussagen über die Verbesserung der Lungenfunktion
durch eine Antibiotika-Kombinationstherapie zulässt.
Quelle:Pulmopharm Info Service