zurück zur Hauptübersicht

SCHMETTERLINGSLICHT
Ein kurzes Leben mit dem Tod

In dieser autobiografischen Geschichte schildert Hannah den verzweifelten Kampf um das Leben ihrer kleinen Tochter Laura, die mit der tödlichen Krankheit Mukoviszidose geboren wird. Es ist ein kurzes Leben zwischen den Welten, zwischen Diesseits und Jenseits, Hoffen, Bangen und Entsetzen. Aber auch ein Leben, das - trotz aller Schatten - erfüllt ist von Fröhlichkeit und dem erlösenden Licht der Liebe.

Die Autorin: Anke Koster, Jahrgang 1953, lebt in Bielefeld und lehrt in den Fächern Kunst, Deutsch und Literatur an einer Gesamtschule. Sie arbeitet in ihrer Freizeit als Theaterpädagogin und schreibt Stücke für Kinder und junge Erwachsene. Die Autorin war Mutter einer Tochter, die an Mukoviszidose litt. Diese Tochter starb im Alter von neun Jahren.

SCHMETTERLINGSLICHT Ein kurzes Leben mit dem Tod von Anke Koster
Taschenbuch, 212 S., Umschlag 2-farbig/lackiert, DM 28,00 ISBN 3-00-004141-9, © 1999 SchmidtScheele Verlag Bielefeld

Leseprobe

Am Abend vor ihrer Entlassung, die wider Erwarten schon bald erfolgt, sitzt Laura wie gewohnt mit Robert auf ihrem Bett.
"Wann sehe ich dich wieder? Glaubst du, wir haben noch einmal eine Chance, uns hier zu treffen?" Robert weiß nicht recht, wie er die Verabschiedung einleiten soll.
"Wir sehen uns nicht wieder. Hier bin ich zum letzten Mal gewesen." Laura beugt sich hinunter zu ihrem Nachtschrank. Manche Dinge sagen sich leichter, wenn man sein Gegenüber dabei nicht anschaut.
Robert versteht nicht, was Laura ihm sagen möchte.
"Mann, das ist ja phantastisch. Ist es wirklich war, daß die Operation so gut geholfen hat? Brauchst du jetzt nicht mehr ins Krankenhaus? Keine blöden Antibiotikakuren am Tropf und so ein Mist?"
"So habe ich das nicht gemeint."
Robert weiß zwar nicht so richtig in der Rechtschreibung Bescheid, aber er ist nicht blöd. Außerdem steckt er zu tief selbst in der Sache, als daß er nicht merken würde, worum es wirklich geht.
"Aber der Arzt hat doch gesagt, deine Lunge wär' jetzt in Ordnung. Du solltest dir keine Sorgen darum machen. Und das war doch ein guter Arzt. Der hat dich doch nicht angelogen!"
"Natürlich nicht. Er glaubt ja auch, daß er recht hat. Und die Röntgenbilder sagen ja auch alle, daß es stimmt. Der Arzt lügt nicht. Das ist Unsinn. Aber ich weiß doch, wie sich mein ganzer Körper anfühlt und wie sich der Schmetterling in mir fühlt."
"Was soll das heißen, 'der Schmetterling'? Das ist doch Babykram, den du jetzt erzählst. Jetzt spinn bloß nicht rum."
"Ich spinne überhaupt nicht. Du weißt nur nicht, was ich meine. Ich meine mit dem Schmetterling das, was nicht unser Körper ist, verstehst du? Wenn du ganz deutlich in dich hineinfühlst, dann merkst du, daß dein Körper innen nicht richtig ausgefüllt ist. Daß da Zwischenräume sind, und in den Zwischenräumen, da fliegt der Schmetterling. Und wenn du horchst, wie's dem geht, weißt du, wie's wirklich um dich steht."
"Du meinst deine Seele."
"Meinetwegen - wenn das verständlicher ist."
Jetzt hört Laura auf, die Dinge ihres Nachttisches von einer Seite auf die andere zu wälzen. Sie merkt schließlich, daß Robert sie versteht. Das hilft ihr, ihn wieder anzusehen.
Außerdem hat sie gefunden, was sie gesucht hat.
Zwischen allen mitgebrachten Kleinigkeiten und Basteleien der letzten Wochen findet sie ein Radiergummi. Ein kleines, himmelblaues, mit einer aufgedruckten Mickimaus. Und um es zum Geschenk zu machen, muß sie es noch einwickeln.
Da es am Geschenkpapier mangelt, malt Laura ein Bildchen auf ein Stückchen Rechenpapier aus ihrem Notizblock.
"Aber wir könnten doch wenigstens mal wieder telefonieren."
Robert kann sich noch nicht richtig trennen von dem kleinen Mädchen, an das er sich in den letzten Wochen so gewöhnt hat.
"Blödsinn", sagt Laura, die da sehr viel realistischer ist.
"willst du, daß wir wie Oma und Opa am Telefon hängen und über unsere Krankheit plaudern? Was anderes wird uns in zwei Wochen echt nicht mehr einfallen, wenn wir uns sonst nicht sehen... und wenn wir nicht wie hier über irgendwelche Schwestern herziehen können oder so..."
Robert grinst.
Also gut. Wie du meinst. Aber dann auch kein trauriger Abschied. Wie sagt die eine Kuh zur anderen im Schlachthaus? Halt nicht für alles immer deinen Kopf hin, meine Liebe - und: Wiedersehen in der Folie!"
Ein bißchen ungelenk und scheu wird Laura noch einmal in den Arm genommen.
Dann rutscht Robert aus dem Bett, schiebt die Füße auf die Erde und in seine Pantoffeln und richtet sich seufzend auf, um in sein Zimmer zu gehen.
"Na denn..."
"Sieh zu, daß du hier auch bald rauskommst. Du fängst an, fett und behäbig zu werden! - Hier: dein Abschiedsgeschenk ist fertig!"
Laura gibt Robert ihr winziges Päckchen in die Hand.
"Schlaf gut. Und mach bitte das Licht aus, wenn du gehst. Sonst mault die Nachtschwester wieder."
Laura krabbelt unter die Bettdecke.
In der Tür dreht sich Robert noch einmal um.
"Du bist schon schwer in Ordnung, du dumme Kuh!"
Damit schließt er leise die Tür hinter sich.

Man legte mich an den Tropf, ernährte mich künstlich, und so kam ich ein zweites Mal auf diese Welt. Diese schien sich inzwischen auf die zwei Farbtöne Weiß und Grün zu be-schränken, wobei beide ein größeres Spektrum an Varianten bildeten, denn das Weiß der weißen Kittel ist nicht das Weiß der Neonlampen in den Arztzimmern und das Weiß der Formulare nicht das der sterilen Flure. Auch das Grün der Intensivstation ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem der Blumen, die mein Vater meiner Mutter brachte, wenn er uns am Wochenende besuchen kam.
Ein Anreiz für mich, mich mit dieser Welt abermals abzufinden, lag allerdings ganz undgar nicht in deren visuellen Reizen, wobei mich noch mehr als jeder Farbton die Tatsache schreckte, daß man offensichtlich bemüht war mich durch Lichter zu überlisten, um mich wiederganz aufdiese Weltzu locken. Dies geschah durch eine ganz besonders arglistige Täusch ung, die darin bestand, mich immer wieder den grellsten Neonröhren auszusetzen, wohl, um mir vorzugaukeln, daß es auf dieser Welt ebenso hell sei, wie aufder anderen Seite. Dennoch wußte ich natürlich bei jeder Neonlampe, die auf mich gerichtet war, den Unterschied sehr wohl. Denn das Licht drüben war das der Wärme und der Geborgenheit gewesen, dies aber war kalt und zeugte aufs Häßlichste von der eigentlichen Finsternis dieser Welt.
Nur der Anblick meiner Mutter überzeugte mich stets von meiner Unabkömmlichkeit auf dieser Seite, da unterschied ich mich in keiner Weise von anderen Kindern.
Und auf Dauer gelang es mir sogar besser und besser, sie zwischen mich und das finstere Licht dieser Welt zu schieben, meinen Kopf an ihrer Schulter zu vergraben oder sie gar mit einem Blick in die Richtung zu zwingen, in der mir der durch sie entstehende Schatten das Blendwerk des Neons nahm.
Im Lauf derZeit lernte ich auch den Schlag ihres Herzens zu deuten und erhielt so all die Mitteilungen, die mir in den Worten, die die Erwachsenen austauschten, unverständlich blieben.
Es gab den Herzschlag, der da sagte: 'Achtung jetzt passiert wieder etwas Schlimmes' - eine schmerzhafte Untersuchung etwa oder eine neue unselige Mitteilung. Genauso aber gab es den Herzschlag des innigen Festhaltens aneinander - sogar den der kleinen Freuden, wie wenn Sarah uns nach der Schule besuchte, um von ihren nettesten Schulgeschichten zu erzählen, oder wenn mein Vater kam.
Nach und nach entschlüsselten sich mir auch die Geräusche des Klinikalltags, und ich begann das Leben nach Situationen des unvermeidlichen Schreckens und der kleinen Annehm-lichkeiten zu unterscheiden. So begann ich mich in eine Welt einzufinden, die ich für die Dauer meines Lebens zu meinem Zuhause machen mußte.
Das Leben in den Kliniken ist ein eigenes, unwirkliches, das nur der durchschaut, der einmal Monate oder Jahre darin zugebracht hat.

"SCHMETTERLINGSLICHT" kann zum Preis von 28,00 DM + Porto gegen Rechnung bestellt werden.

Bezugsadresse:
SchmidtScheele Verlag
Friedrichstraße 24a
D-33615 Bielefeld
Telefon: 0521-65476
Fax: 0521-179576

Druckversion

vor zur Kontaktseite

Druckversion

zurück zu Kunterbuntes vor zur Kontaktseite

erstellt am 9.6.1999 von Joachim Unterspan
letzte Revision am 21.11.2001