Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, einen
Oberflächenbestandteil des Krankenhauskeims Staphylococcus aureus zu
charakterisieren, der als Impfstoff gegen dieses Bakterium benutzt
werden kann. Die Wissenschaftler vom Hygieneinstitut am Universitätsklinikum Tübingen und ihre Kollegen veröffentlichen ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science.
Der aus einem polymeren Zuckernetzwerk bestehende Stoff, Poly-N-succinyl
ß-1-6 glucosamine (PNSG) wird von vielen Staphylococcen-Stämmen
überwiegend während der durch sie ausgelösten Infektionen gebildet,
nicht jedoch bei der Aufzucht der Bakterien im Labor. Beispielsweise
konnten mit PNSG umhüllte Staphylococcen in den infizierten Atemwegen
von Patienten mit der Erbkrankheit Mukoviszidose nachgewiesen werden.
Mit PNSG immunisierte Mäuse konnten gegen Infektionen durch
Staphylococcen-Stämme, die Antibiotika-multiresistent waren, geschützt
werden.
Der Impfstoffkandidat könnte gegen typische Staphylococcen-Infektionen
wie Endokarditis (Herzklappenentzündung) oder Sepsis (Blutvergiftung)
bei Krankenhauspatienten, gegen Lungeninfektionen bei
Mukoviszidose-Patienten und Infektionen, die außerhalb des Krankenhauses
bei Mensch und Tier erworben werden, eingesetzt werden.
Immer öfter wirken Antibiotika bei bakteriellen Infektionen nicht mehr
Bei bestimmten bakteriellen Infektionen, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken, gibt es jetzt Hoffnung auf einen neuen Impfstoff. Professor Gerd Döring vom Hygiene-Institut der Universität Tübingen sagte der dpa in einem Gespräch, einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe sei es "gelungen, einen Oberflächenbestandteil eines Krankenhauskeims zu charakterisieren, der als Impfstoff gegen diese Bakterien benutzt werden kann". Die Substanz aus der Hülle der sogenannten Staphylokokken heiße PNSG. An der Forschergruppe ist auch das Tübinger Institut beteiligt.
Bisher werden Staphylokokken-Infektionen mit Antibiotika behandelt. Doch die antibiotikaresistenten Krankheitserreger nähmen "besorgniserregend" zu. Das "läßt daher immer mehr präventive Maßnahmen in den Vordergrund der medizinischen Forschung treten".
Der PNSG-Impfstoff ist vorbeugend gegen alle typischen Staphylokokkeninfektionen einsetzbar, gegen Krankenhauskeime und auch Erreger außerhalb des Krankenhauses und zwar vielseitig bei Mensch und Tier. Döring nannte als Beispiele Herzklappenentzündung, Blutvergiftung bei Krankenhauspatienten und Lungeninfektionen bei Mukoviszidose-Patienten.
Der PNSG-Impfstoff werde wie die Seren bei anderen Infektionen vorbeugend verabreicht. Er werde intramuskulös gespritzt und gewähre bei dreimaliger Impfung hintereinander "Schutz für mindestens zehn Jahre". Und zwar für alle Staphylokokkeninfektionen, sagte Döring. Eine Impfung breiter Bevölkerungskreise hält er für sinnvoll, zumal immer mehr Erreger nicht auf Antibiotika ansprechen.
Zwar ist der neue Impfstoff "noch nicht fertig". Aber "man kennt, was wirkt". Nach erfolgreichen Tierversuchen "müssen auch noch beim Menschen Verträglichkeit und Nebenwirkungen untersucht werden". Bis wann der Impfstoff auf den Markt kommt, sei nun Sache der industriellen Partner. Döring nennt als Zeit "vermutlich fünf Jahre".
[Quelle: Stuttgarter Nachrichten, Germany, 31.5.1999]