Die folgenden Ausführungen wurden nach der Tonband-Aufzeichnung eines Vortrags
niedergeschrieben, den Professor Tümmler am 28.10.2000 in Braunschweig hielt.
Er sprach dort auf Einladung der CF-Selbsthilfe Braunschweig. Zusätzlich zu
dem eigentlichen Vortragstext äußerte sich Professor Tümmler auch zu einer ganzen
Reihe von Zuhörerfragen. Um eine bessere Lesbarkeit zu erreichen, wurden die
Antworten in den fortlaufenden Text an passenden Stellen eingearbeitet.
Diese Darstellung folgt also nicht präzise dem Verlauf der Veranstaltung.
Sie folgt auch nicht wörtlich dem Tonbandprotokoll, weil für eine schriftliche
Darstellung nicht jedes gesprochene Wort notwendig und nützlich ist.
In jedem Fall werden aber die Bewertungen bestimmter Entwicklungslinien in
der Forschung und Therapie unverfälscht wiedergegeben. Sowohl in der Sache
als auch hinsichtlich ihrer Beurteilung bringt dieser Text also nicht Kenntnisse
und Meinungen des Verfassers, W. Bremer, zum Ausdruck, sondern folgt darin denen
Herrn Professor Tümmlers.
Praktische Möglichkeiten in der Diagnostik und der Therapie waren die Schwerpunkte
des Vortrags. Dabei gibt es einige neue Entwicklungen, die auch in Kürze Auswirkungen
auf die Grundprinzipien der Therapie haben werden. Auch neueste, zum Teil noch
unveröffentlichte Forschungsergebnisse wurden in dem Vortrag dargestellt.
Diagnostik bei CF
Jedem, der sich mit Mukoviszidose befasst, ist der Schweißtest bekannt.
Er gilt als Standardverfahren zur Diagnose der Mukoviszidose, und ca. 95% aller
Betroffenen können damit eindeutig identifiziert werden. Die übrigen 5% haben
grenzwertige oder sogar normale Werte im Schweißtest, obwohl bei ihnen Mukoviszidose
eindeutig vorliegt.
Das Prinzip des Schweißtests beruht darauf, dass mit dem Schweiß zu viel Natriumchlorid
(Kochsalz) ausgeschieden wird. Weitere Informationen dazu folgen weiter unten.
Eine zweite, neuere Methode ist die Messung der Nasalpotentialdifferenz
(NPD). Hier macht man sich die Tatsache zu Nutze, dass ein bestimmter Bereich
in der Nasenschleimhaut in seiner Durchlässigkeit für Chlorid-Ionen dem Flimmerepithel
der Atemwege außerordentlich ähnlich ist. (“Flimmerepithel” bezeichnet die
oberste Schicht der Zellen in der Atemwegsschleimhaut. Diese Zellen tragen
auf der Oberfläche die Flimmerhärchen, mit denen der Schleim in Richtung des
Mundes transportiert wird.) Wegen dieser großen Ähnlichkeit kann man aus Messungen
an der Nasenschleimhaut direkt auf die Verhältnisse in der Lunge schließen.
Dieser Test ist in seiner Aussagekraft dem Schweißtest überlegen und kann herangezogen
werden, um bei unklaren Schweißtest-Ergebnisse eine eindeutige Diagnose zu ermöglichen.
Zuletzt ist noch zu erwähnen, dass man auch mit der Rektum-Schleimhaut-Biopsie
gute diagnostische Möglichkeiten hat. Mit einer winzigen Menge an Material
aus der Schleimhaut des Enddarms (deutsche Bezeichnung für “Rektum”) kann man
in der “Ussing-Kammer” ebenfalls die Chloridleitfähigkeit messen (ICM, intestinal
current measurement). Dieses Verfahren wird jedoch normalerweise nicht
zur Diagnose der Mukoviszidose eingesetzt, unter anderem, weil es apparativ
recht aufwändig ist im Vergleich zu den beiden anderen erwähnten Diagnosemethoden.
Diagnostik der Restfunktion
Sowohl die Nasalpotentialmessung als auch die Messung an der Darmschleimhaut
erlaubt jedoch weiter gehende Aussagen, die zunehmend von Bedeutung sein werden.
Man kann in den Versuchsanordnungen Substanzen benutzen, mit denen die Öffnung
bestimmter Membrankanäle entweder blockiert oder provoziert wird. Dann kann
man erkennen, in welchem Ausmaß Chlorid-Ionen durch die Zellmembran hindurchwandern
können. Es ist sogar möglich zu unterscheiden, ob diese Wanderung durch den
CFTR-Kanal hindurch erfolgt oder durch andere Kanäle, welche die betreffende
Zelle hier nutzen kann. Im ersten Fall spricht man von einer CFTR-Restfunktion,
im zweiten von “alternativen” Chlorid-Kanälen. CFTR heißt “Cystic Fibrosis
Transmembrane Regulator” und bezeichnet ein Protein, das in der Zellmembran
auf der “Luftseite” der Atemwegsepithelzellen und auch in Zellmembranen von
Darm, Leber, Bauchspeicheldrüse und Schweißdrüse einen Kanal für Chlorid-Ionen
bildet.
Tatsache ist, dass beide Fälle auftreten, sowohl die CFTR-Restfunktion als
auch die Nutzung alternativer Chlorid-Kanäle, auch bei der “typischen” CF-Mutation
delta F 508 (homozygot). Delta F 508 bedeutet, dass in dem CFTR-Gen ein Baustein
fehlt (“delta”), und zwar die Aminosäure Phenylalanin (“F”) an der Position
508 (“508”). “Homozygot” bedeutet, dass das CFTR-Gen auf dem einen Chromosom
identisch ist mit dem CFTR-Gen auf dem anderen Chromosom, jedenfalls hinsichtlich
des gerade betrachteten Abschnitts dieses Gens. In diesem Fall heißt das also,
dass in beiden Genen die gleiche Mutation, Delta F 508, vorhanden ist. Sind
die Gene jedoch in diesem Punkt unterschiedlich, sagt man “heterozygot”.
Man kann nun natürlich vermuten, dass eine höhere CFTR-Restfunktion und eine
stärkere Nutzung alternativer Chloridkanäle zu einem leichteren Verlauf der
Krankheit führen müsste. Tatsächlich lässt sich ein solcher Zusammenhang
auch zeigen, zum Beispiel in der Europäischen Zwillings- und Geschwisterstudie.
Hier fand man bei drei Vierteln aller untersuchten Delta F 508-homozygoten
Patienten eine Restfunktion. Diese Restfunktion lag bei einem Siebtel der Patienten
bei Werten zwischen 5 und 20% der normalen Funktion des korrekt gebauten Proteins.
Das ist so viel, dass es sich klinisch deutlich bemerkbar macht, z.B. in der
Lungenfunktion. Mit den bisherigen Versuchen zur Gentherapie konnten so hohe
Werte bislang noch nicht erreicht werden.
Man kann in der Auswertung der Messergebnisse noch weiter gehen und zwischen
den Ergebnissen der NPD und der ICM differenzieren. Bei der NPD ist jede nachweisbare
Chloridleitfähigkeitsfunktion ein Hinweis auf einen weniger schweren Verlauf
der Krankheit, unabhängig davon, ob dabei der CFTR-Kanal oder andere Chloridkanäle
für die Leitfähigkeit verantwortlich sind. Bei der ICM hängen mit einer CFTR-Restfunktion
besseres Wachstum und Gedeihen des Individuums zusammen, und auch die Prognose
für den Verlauf der Lungenerkrankung ist besser. Der Nachweis einer Chloridleitungsfähigkeit
durch andere Kanäle der Darmzellen hat jedoch keine Bedeutung für die Schwere
des jeweiligen Krankheitsbildes; hierfür kommt es ausschließlich auf die in
der ICM nachgewiesene Restfunktion des CFTR-Kanals an.
Leider weiß man bisher noch nicht, wie es dazu kommt, dass manche CF-Patienten
alternative Kanäle nutzen können und andere nicht; immerhin hat man Gene für
solche Kanäle aber schon auf dem Chromosom 1 lokalisiert. Es ist auch noch
nicht bekannt, ob sich der Grad der Verfügbarkeit solcher Kanäle mit den Jahren
verändert. Zur Klärung dieser Frage wäre es günstig, wenn sich diejenigen,
für die bereits derartige Untersuchungen auf Chloridleitungs-Funktion stattgefunden
haben, ca. 5 Jahre später noch einmal untersuchen ließen. Zur Zeit kann man
zu dieser Frage noch nichts sagen.
Delta F 508-CFTR ist in den Epithelzellmembran der intakten Bronchialschleimhaut
vorhanden!
Wer sich in den letzten Jahren immer gut informiert hat, wird sich vielleicht
schon seit einiger Zeit wundern, dass hier mehrfach die Rede war von einer Restleitfähigkeit
des CFTR-Kanals. Seit Jahren kann man nämlich in allen Veröffentlichungen über
CF lesen, dass bei Delta F 508 das Protein nicht korrekt gefaltet wird, in der
Qualitätskontrolle der Zelle als fehlerhaft erkannt und abgebaut wird, so dass
in der Zellmembran gar nichts davon ankommt! Das ist auch korrekt, allerdings
nur in künstlichen Versuchsanordnungen (vor allem Zellkulturen), in denen
man in bestimmten Zelltypen das defekte CFTR-Gen zu Untersuchungszwecken eingebaut
hat. Es gab lange Zeit keine Ergebnisse aus Untersuchungen, die direkt am Gewebe
des CF-kranken Menschen stattgefunden hätten. Herr Tümmler allerdings ist
mit seinem Team in Kooperation mit einer französischen Forschergruppe seit einigen
Jahren mit Untersuchungen beschäftigt, in denen Original-Gewebe von CF-Patienten
untersucht wurde: entfernte Polypen, Gewebeproben von Darmoperationen, Lungenbiopsien,
Hautbiopsien. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden mittlerweile auch
in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht.
Hier geht es jetzt um die Hauptaussagen dieser Arbeiten, zunächst für das Flimmerepithel
der Lunge: Wenn es nicht durch Vorgänge, über die später noch berichtet werden
muss, verändert oder zerstört ist, dann lässt sich tatsächlich in der Zellmembran
von CF-Patienten das CFTR-Protein nachweisen, an der gleichen Stelle wie
bei lungengesunden Menschen!
Einschränkend muss man sagen, dass es Unterschiede gibt in dem Anteil
der Flimmerhaar tragenden Zellen, in deren Zellmembran das CFTR nachweisbar
ist: Bei jemandem, der nichts mit CF zu tun hat, liegt der Anteil bei 60%,
bei den gesunden Genträgern (Heterozygoten), also den Eltern, bei 40%, und bei
denen, die für Delta F 508 homozygot sind, liegt er bei 20%. Bei normaler Funktion
des CFTR reichen diese 20% aus, um nicht CF-krank zu sein. Wichtig ist in jedem
Fall die Erkenntnis, dass der CF-Patient, solange seine Bronchialschleimhaut
nicht beeinträchtigt ist, funktionales CFTR in den Zellmembranen der Atemwegsschleimhaut
besitzt, und eben doch nicht sämtliches CFTR-Protein wegen des Baufehlers in
der Zelle zerstört wird.
Leider kommt eine weitere Einschränkung hinzu. Das Delta F 508-CFTR ist zwar
funktional, der Kanal lässt sich also öffnen, er muss dazu aber stärker aktiviert
werden als das “normale” CFTR. “Aktivieren” bedeutet, dass sich innerhalb
der Zelle am Ende einer Kette von Reaktionen bestimmte Moleküle mit hohem Energieinhalt
an das Kanalprotein anlagern und dadurch seine Form so verändern, dass der Kanal
sich öffnet. Unter den üblichen Bedingungen in der Zelle ist die Wahrscheinlichkeit,
dass der fehlerhaft gebaute Kanal geöffnet ist, nur ein Fünftel, verglichen
mit dem korrekt gebauten CFTR. Ein neu geborenes Kind, das homozygot ist für
Delta F 508, hat also eine auf ein Drittel reduzierte Menge an CFTR-haltigen
Zellmembranen und außerdem nur ein Fünftel der normalen Funktion, also insgesamt
eine Reduzierung auf ein Fünfzehntel der normalen Funktion.
Auf diese Situation reagieren die betroffenen Menschen dann sehr verschieden.
Bei manchen bleibt es bei dem Fünfzehntel oder ähnlich kleinen Werten. Bei
anderen sind die Zellen in der Lage, ihren Stoffwechsel so umzuschalten, dass
mehr Energie aufgewendet wird für die Aktivierung des CFTR-Kanals. Auf diese
Weise kann der CFTR-Kanal wieder in die Nähe eines Drittels der Normalfunktion
kommen, und diese Patienten zeigen dann sehr wenige und schwache Symptome der
Mukoviszidose.
Eine vorhandene Restfunktion des CFTR-Proteins eröffnet die Möglichkeit,
dass man sie mit bestimmten Medikamenten so stark erhöhen könnte, dass
die Krankheitssymptome deutlich verringert würden. Erste Erfolg versprechende
Versuche in dieser Richtung gibt es in Frankreich, wo F. Becq eine neue Klasse
von Wirkstoffen (Benzo[c]chinolizinium-Verbindungen, kurz: MPB) gefunden hat,
mit denen sich das CFTR anscheinend effektiv aktivieren lässt: Dann öffnet
sich der Chloridkanal. Der Nachweis der Wirksamkeit ist eindeutig erfolgt,
die Giftigkeit der Stoffe aus dieser Klasse ist anscheinend gering, und sie
beeinflussen speziell und ausschließlich den CFTR-Kanal. Es ist damit zu rechnen,
dass sie in Kürze in ersten präklinischen Studien getestet werden.
CFTR in anderen Organen
Nun noch kurz zu anderen Geweben, in denen der CFTR-Kanal eine Rolle spielt:
Im Darm findet man ebenfalls das CFTR dort, wo es hingehört, in der Membran
der Epithelzellen. Allerdings ist auch hier die Menge reduziert im Vergleich
zum nicht-CF-Gewebe, und zwar gerade in den Zellen, die normalerweise besonders
viel CFTR produzieren. Hier macht sich dann der Mangel in bestimmten Situationen
deutlich bemerkbar durch Störungen der Verdauung.
In der Bauchspeicheldrüse ist die CFTR-Restfunktion besonders gering,
und es gibt im allgemeinen keine alternativen Chloridkanäle, die aktivierbar wären.
Sofort nach der Geburt beginnt daher der Umbau des Gewebes, der der Cystischen
Fibrose im englischen Sprachraum ihren Namen gegeben hat (“Cystic Fibrosis of
the pancreas”). Das Gewebe kann sich, anders als in der Lunge, der Leber und
im Darm, auch nicht regenerieren. In gewissem Umfang kann der Bedarf an Verdauungsenzymen
jedoch unterschiedlich sein.
Wieder anders sind die Verhältnisse in der Schweißdrüse. Der sogenannte
“Primärschweiß” ist sehr salzhaltig. Damit der Körper beim Schwitzen nicht
zu viel Salz verliert, wird im Ausführungsgang der Schweißdrüse ein Teil dieses
Salzes vom Gewebe wieder aufgenommen. Dafür ist CFTR in der Membran der Epithelzellen
erforderlich, und hier ist bei Patienten, die homozygot sind für Delta F 508,
tatsächlich kein CFTR zu finden. Die Schweißdrüse ist also das einzige Organ,
bei dem die Wirklichkeit des Patienten mit den Modellsystemen der Wissenschaftler
übereinstimmt: Das fehlerhaft gebaute Protein wird in der Zelle abgebaut und
gelangt nicht an die Membran. Daher ist der Schweißtest ein so gutes Mittel
zur Diagnose der Mukoviszidose.
Entzündungen der Atemwegsschleimhaut
Wie reagiert der Körper auf Infekte? Auch in diesem Punkt sind die Menschen
sehr verschieden veranlagt. Wie das Immunsystem eines Individuums funktioniert,
ist weitgehend festgelegt im genetischen Programm der Zellen. An einzelnen
“Leitgenen” kann man heute schon unterscheiden, ob ein bestimmter Mensch stärker
oder weniger stark durch Atemwegsinfektionen gefährdet ist. Das gilt ganz allgemein,
unabhängig von der Mukoviszidose.
Von großer Bedeutung für den Verlauf der Mukoviszidose ist besonders die Frage,
wie der Körper mit Virusinfektionen umgeht, vor allem mit den frühkindlichen.
Diese Infektionen haben, wenn sie ungünstig verlaufen, zur Folge, dass die Lungenfunktion
sich dauerhaft verschlechtert. Man kennt schon einige Gene, die hier eine wesentliche
Rolle spielen.
Bei fortdauernder Infektion im Lungengewebe findet ein Umbau des Gewebes
statt. Dabei verändern die Zellen in den äußeren Schichten der Schleimhaut
ihre Form und ihre Funktion. Diese Veränderungen sind anfangs noch rückgängig
zu machen, später nicht mehr. Weil davon auch die Flimmerhärchen tragenden
Zellen betroffen sind, wird schon sehr frühzeitig in diesem Veränderungsprozess
kein CFTR mehr in der Zellmembran gefunden. Damit verliert man auch den Rest
der Chlorid-Kanalfunktion, den man bis dahin vielleicht noch hatte. Das führt
zu einer erheblichen Verschlechterung des Gesundheitszustands.
Diesen Verlust an CFTR produzierenden Zellen erleiden übrigens auch Raucher,
allerdings erst im Lauf von Jahrzehnten. Wer nicht CF hat, kann das noch einigermaßen
ausgleichen. Für CF-Patienten ist Rauchen unter anderem wegen dieses Zusammenhangs
extrem schädlich.
Weitere genetische Merkmale, die den Verlauf der Mukoviszidose beeinflussen
Eine weitere angeborene Eigenschaft des Individuums ist die Art und Weise,
wie sein Körper mit Fremdstoffen umgeht, die er in sich aufgenommen hat,
z.B. über die Atemwege oder den Verdauungstrakt. Das können Arzneimittel oder
Gifte, Umweltschadstoffe oder Lebensmittel sein. Viele dieser Stoffe muss er
wieder loswerden, und natürlich werden besonders viele der Proteine, die diese
Entgiftung des Körpers bewirken, in der Lunge und in der Leber produziert.
Die Art und Menge dieser Proteine entscheidet darüber, wie schnell oder langsam,
gut oder schlecht der Körper die Fremdstoffe wieder ausscheiden kann.
Auch hierfür wurde in der Geschwisterstudie deutlich, dass es einen direkten
Zusammenhang gibt zwischen der Schwere der Erkrankung und der Ausstattung des
Körpers mit solchen Entgiftungsproteinen. Das Vorhandensein oder Fehlen solcher
Proteine ist festgelegt in der genetischen Struktur des jeweiligen Individuums.
Zuletzt sind auch noch einige Gene für den Verlauf der Mukoviszidose bei dem
einzelnen Betroffenen von Bedeutung, die sich auf dem Chromosom in der Nähe
des CFTR-Gens befinden. Dort findet man z.B. das “obese”-Gen, das bestimmt,
wie gut der jeweilige Mensch Nahrungsmittel verwerten kann (“gute oder schlechte
Futterverwerter”). Wer die zugeführte Nahrung besser ausnutzt, hat tendenziell
einen leichteren Krankheitsverlauf, obwohl dieses Gen mit der Funktion des CFTR
gar nichts zu tun hat.
Die Bedeutung der Delta F 508-Mutation
Wie man sieht, haben dieWissenschaftler in den letzten Jahren einige neue Vorstellungen
entwickelt zum Zusammenhang zwischen der Basisstörung, also dem Fehler im CFTR-Gen,
und der klinischen Ausprägung der Krankheit Cystische Fibrose, also ihrer Schwere
und ihres Verlaufs.
Die Anzahl der bekannten Mutationen im CFTR-Gen liegt mittlerweile bei 970.
Es kommen laufend weitere hinzu, da zunehmend auch Menschen aus anderen Gegenden
der Welt untersucht werden, bei denen sowohl das Spektrum der Mutationen anders
ist als auch die spezielle Ausprägung der Krankheit.
Die häufigste Mutation ist Delta F 508. Sie kommt weltweit auf 70% aller Mukoviszidose-Chromosomen
vor. 50% der CF-Patienten haben diese Störung in beiden CF-Chromosomen: Sie
sind homozygot für Delta F 508. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein CF-Patient
auf keinem der beiden Chromosomen Delta F 508 hat, sondern eine andere Mutation
im CFTR-Gen, liegt bei nur 9%.
Etwa 90% aller Patienten haben also Delta F 508 entweder auf einem Chromosom
oder auf beiden. Daher steht diese Mutation im Mittelpunkt aller wissenschaftlichen
Untersuchungen. Andere Mutationen führen teils zu einem ähnlichen Krankheitsbild,
teils aber auch zu schwereren oder leichteren Verläufen der Krankheit. Da die
Patientenzahlen bei solchen anderen Mutationen zum Teil sehr klein sind, kann
man allerdings in den meisten Fällen keine prognostische Aussage zum jeweiligen
Verlauf machen.
Man kann verallgemeinernd sagen, dass bei 98% derjenigen Mukoviszidose-Patienten,
bei denen die Bauchspeicheldrüse schon kurz nach der Geburt nicht mehr funktioniert,
mindestens eins der beiden Chromosomen die Mutation Delta F 508 aufweisen wird.
Weil, wie oben dargestellt, die Mutation im CF-Gen nicht allein entscheidend
ist für den Verlauf der Erkrankung, ist es für eine vollständige Klärung des
individuellen Risikoprofils eines CF-Patienten notwendig, auch die anderen
genetischen Anlagen zu analysieren, die für diese Frage eine Rolle spielen.
Man hat dann die Möglichkeit, die Ressourcen in der CF-Therapie gezielter zu
verteilen, so dass diejenigen, die mehr Therapie und mehr ärztliche Aufmerksamkeit
und Betreuung brauchen, diese auch bekommen. Die anderen Patienten könnten
dann von Therapieanstrengungen und Terminen entlastet werden. Insgesamt könnte
damit die Effizienz der CF-Therapie gesteigert werden. Diese Herangehensweise
der “Mutationsdiagnostik” ist zu einem großen Teil heute schon möglich
und wird vermutlich in den nächsten Jahren in immer stärkerem Umfang in die
Realität umgesetzt.